Potenziale allein reichen nicht

Montag, 29. November. 2010

Mit „Chancen und Risiken regionaler Entwicklung am Beispiel von Nordthüringen“ war der Vortrag angekündigt, der im Mittelpunkt der jüngsten Veranstaltung des Nordhäuser Unternehmerverbandes (NUV) stand. Dazu in der Rückschau die folgende Einschätzung.

Das Programm des NUV zu seiner jüngsten Veranstaltung umfasste neben dem erwähnten Vortrag, den der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Prof. Dr. Ulrich Blum hielt, einen zweiten Vortrag, der die Wirtschaftsförderung im Saale- (Städte-)dreieck Rudolstadt, Bad Blankenburg und Saalfeld zum Thema hatte. Und vom Geschäftsführer der dortigen Wirtschaftsförderagentur, Knut Jacob gehalten wurde.

Man kann die beiden Vorträge zu denen stellen, die man im Rahmen von NUV-Veranstaltungen in der Vergangenheit zu den Themen Regionale Entwicklung, Wirtschaftsstandort und Wirtschaftsförderung hörte. Und wenn im Ergebnis der jüngsten Veranstaltung berichtet wurde, dass der Vortrag des IWH-Chefs das vorgegebene Thema verfehlte, dann kann der Autor dieses Beitrags diese Meinung nicht teilen.

Dazu ist zunächst festzustellen, dass es mit dem NUV im Norden Thüringens eine Institution gibt, die die Sachkompetenz und wohl auch das Potenzial besitzt, das wirtschaftspolitische Geschehen im Einzugsgebiet dieses Vereins maßgeblich zu beeinflussen. Dass die bezuggenommenen Vorträge im Rahmen von Veranstaltungen dieses Vereins gehalten wurden und nicht etwa in Veranstaltungen des Regionalmanagements oder – budgets und auch nicht eines der anderen Wirtschaftsverbände (z.B. Mittelstandsvereinigung, Verband der mittelständischen Wirtschaft) dürfte ein hinreichendes Indiz dafür sein.

Tatsächlich zeigte der NUV in den Jahren 2005 und 2006 konstruktive Ansätze, das Heft der wirtschaftspolitischen Entwicklung in der Region in die Hand zu nehmen. Es soll hier nicht weiter erörtert werden, warum diesen damaligen Ansätzen keine nachdrückliche Fortsetzung folgte. Und die Initiative von keinem anderen Wirtschaftsverband übernommen wurde.

Immerhin behielt der NUV die regionale Entwicklung im Auge und gestaltete dementsprechend seine Veranstaltungen. Herausragend war dabei die erste Veranstaltung in diesem Jahr (März 2010) in der der Präsident der Fachhochschule Nordhausen, Prof. Dr. Jörg Wagner zur zukünftigen Entwicklung der Region referierte. Und dabei die Schaffung einer einheitlichen Wirtschaftsfördergesellschaft zwischen den beiden Gebietskörperschaften im Landkreis Nordhausen als dringend notwendig erachtete. Eine Notwendigkeit, die auch schon zuvor verschiedentlich betont und gefordert wurde. Und dabei blieb es dann aber auch. Warum eigentlich!?

Schließlich wurde in jener März-Veranstaltung auch über die Kontaktpflege mit Wirtschaftsverbänden der angrenzenden Regionen gesprochen. Ländergrenzen dürften in der Zukunft keine Rolle mehr bei der Vermarktung und dem Aufbau der Region spielen, hieß es. Die Aspekte der Zusammenarbeit über die Region hinaus sollten in der Folgezeit sondiert werden. Die Mitwirkung des Geschäftsführers der Wirtschaftsförderagentur, Knut Jacob, an der jüngsten NUV-Veranstaltung könnte so gedeutet werden, wenn der Saalebogen auch etwas weiter entfernt liegt.

Nun also zu dieser NUV-Veranstaltung im Audimax der Fachhochschule. Im Bericht der nnz heißt es zum Grußwort der OB, dass Barbara Rinke (SPD) Nordthüringen zwar als Planungsregion empfindet, aber nicht als eine Region, die zusammengehört. Mühlhausen oder Bad Langensalza seien für die Menschen einfach zu weit weg, so das Nordhäuser Stadtoberhaupt. Landrat Joachim Claus (CDU) machte darauf aufmerksam, dass Wirtschaft und Politik aber auch das Leben der normalen Menschen miteinander verbunden sind. Die Wirtschafts- und Finanzkrise habe die Region relativ gut überstanden.

Nach diesem Vorspann trat Prof. Dr. Blum ans Rednerpult und referierte rhetorisch brillant und thematisch beziehungsvoll zur regionalen Entwicklung am Beispiel Nordthüringens. Was hatte man dabei wohl erwartet? Wirtschaftsförderer sollten sich als eine Art „Dorfschwester“ verstehen, die also die Hand am Puls der regionalen Wirtschaft haben, um Veränderungen frühzeitig zu registrieren und Impulse zu geben für eine weitere und zunehmend positive Entwicklung (der Produktivität kleinerer und größerer Unternehmen in Richtung einer selbsttragenden Wirtschaft) Auf der Grundlage des Bruttoinlandproduktes (BIP) der Landkreise Nordthüringens, ihres Industrialisierungsgrades und ihrer Entwicklung bei den Arbeitslosenzahlen. Und allein bei den beiden größten Gebietskörperschaften im Landkreis Nordhausen gibt es doch einige „Dorfschwestern“?

Dass der Referent ansonsten vorwiegend mehr die überregionale Situation Mitteldeutschlands aus der historischen Entwicklung heraus beschrieb, kann nicht verwundern – die Region Nordthüringen ist schließlich ein Teil davon. Nach Auffassung des IWH-Präsidenten kranken die neuen Bundesländer am Mangel an großen Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern. Umso beachtlicher, dass der Nettotransfer Ost und der BIP-Beitrag Ostdeutscher im Westen inzwischen geradezu gigantisch ist. Wodurch die Transferleistungen in umgekehrter Richtung doch beträchtlich relativiert werden. Im übrigen strich Prof. Blum das ewige „benchmarking“ heraus, also die Orientierung an Regionen, die im „Statikranking“ vor der eigenen liegen.

Darin konnte man immerhin eine Überleitung zum folgenden Vortrag von Knut Jacob zum Thema Wirtschaftsförderung im Städtedreieck Rudolstadt, Bad Blankenburg und Saalfeld sehen. Seinen Ausführungen war zu entnehmen, dass die drei Städte vor drei Jahren gemeinsam mit dem dortigen Innovations- und Gründerzentrum (IGZ) eine Arbeitsgemeinschaft „Kommunale Wirtschaftsförderung“, also eine Wirtschaftsförderagentur gründeten, deren Geschäftsführer Knut Jacob ist.

Diese Institution, die als Sitz das Gründerzentrum wählte („weil wir dorthin gehören“) hat sich zum Ziel gesetzt, durch Bündelung der Fachkompetenzen den Anforderungen einer effektiven und zielgerichteten Wirtschaftsförderung in einer für Thüringen bisher einmaligen Struktur noch besser gerecht zu werden. Unter Beteiligung des Landkreises Saalfeld Rudolstadt, der genannten drei Städte und des IGZ werden sowohl Aufgaben der klassischen Wirtschaftsförderung wahrgenommen („Dorfschwester“), als auch gemeinsam Projekte entwickelt.

Jacob betonte anschließend im Gespräch mit nnz, dass die Kommunale Wirtschaftsförderung eine Hilfestellung für alle Fragen des Standortes, der Infrastruktur und der Finanzierung bzw. Förderung darstellt und sich als das inzwischen bestens bewährt hat. Nachdem das vor 2007 nur sehr eingeschränkt und damit unbefriedigend möglich war.

Ohne hier weiter auf die sehr aufschlussreichen Ausführungen Jacobs einzugehen bleibt festzustellen, dass die vom Präsidenten der FHN, Prof. Jörg Wagner im März vor den Mitgliedern des NUV gemachten Vorstellungen in eine ähnliche Richtung gingen wie die der Wirtschaftsförderagentur des Landkreises Saalfeld-Rudolstadt. Sie könnten als neuer Anstoß für den Landkreis Nordhausen verstanden werden.

Dass in der den Vorträgen folgenden Podiumsdiskussion, die vom Geschäftsführer der Landesentwicklungsgesellschaft, Andreas Krey, moderiert wurde, kein Teilnehmer der Veranstaltung direkt darauf Bezug nahm, kann allerdings zu Zweifeln führen. Bleibt doch wenigstens die Bemerkung des LEG-Chefs festzuhalten, dass im nächsten Jahr mit der Erschließung der „Goldenen Aue“ begonnen wird.
Julius Seifert

nnz-online.de