Die Ideologie muss raus

Freitag, 19. Januar. 2018

Interview Die Südharzer Wirtschaft steht gut da. Wenn da nicht das Dauerproblem wäre: der Fachkräftemangel. Niels Neu (43), Vorsitzender des Nordthüringer Unternehmerverbandes (NUV), über Wege aus der Misere, den neuen Tourismusmanager und das Biosphärenreservat.

Mit Ihrem Verband vertreten Sie knapp 200 Unternehmen, vornehmlich im Landkreis Nordhausen. Wie sehen diese auf das neue Jahr?
Die Grundstimmung ist gut, bei den meisten sind die Auftragsbücher schon jetzt gut gefüllt. Auch die sonstigen Zahlen sprechen dafür, dass 2018 ein gutes Jahr wird. Viele hoffen auf eine Konstanz bei der Politik in Berlin.
Nur einen Wermutstropfen gibt es: das Problem des Fachkräftemangels. Das betrifft inzwischen fast jedes Unternehmen. Die jetzt zur Verfügung stehenden Fachkräfte reichen nicht aus. Wir müssen also welche in unsere Region locken, um die Lücke zu schließen und zum anderen den zu erwartenden Bedarf für das Industriegebiet zu decken.
Wir setzen darauf, dass der Landkreis sich so gut verkauft, dass Menschen hierher kommen wollen. Wo bekommt man sonst ein Haus am Wasser zu vertretbaren Preisen? Oder tolle, nagelneu gebaute oder sanierte Wohnungen in der Altstadt? Schauen Sie sich in den Städten mal danach um. Wir können es bieten.
Wir sind alles in allem auf einem guten Weg, richtig attraktiv zu werden, machen große Schritte. Aber wir machen dazwischen auch immer wieder kleine Schritte zurück. Ich nenne hier den Hochseilgarten auf dem Petersberg in Nordhausen. Man hätte diesen als kleine Attraktion nicht aufgeben müssen. Oder das Hotel. Ohne Not haben wir eine richtig gute Chance, ein Hotel im Park Hohenrode zu etablieren und damit auch den Park zu erhalten, vom Tisch gefegt. Verschenkte Potenziale aus meiner Sicht.

Bleiben wir noch kurz beim Fachkräfteproblem. Laienhaft gefragt: Warum übernehmen Sie nicht einfach diejenigen, die noch immer in Zeitarbeit beschäftigt sind?
Zum einen findet das statt. Zum anderen hat die Zeitarbeit auch ihre Berechtigung, um kurzfristige Spitzen abzufedern. Dass sie einen so negativen Ruf hat, liegt daran, dass große Konzerne die Regeln brechen. Aber glauben Sie nicht, dass ein Mittelständler sich das leisten könnte. Im Übrigen zahlen die Zeitarbeitsfirmen nicht so schlecht, dass deren Beschäftigte sofort alle überlaufen würden.

Dennoch ist das Klagen der Unternehmen groß. Wo steht denn unser Landkreis, wenn es um die Entlohnung geht?
Ein guter Facharbeiter wird hier 13 Euro bekommen und in Eisenach 13 Euro bekommen. Der Lohn ist nicht mehr das Hindernis. Jetzt zählen die Lebensqualität und die Kosten für den Lebensunterhalt. Da stehen Sie sich bei uns besser. Was nützt ihnen der höhere Lohn in Stuttgart, wenn die Stadt nicht sauber und der Kindergartenplatz nicht zu haben ist?

Sie sprachen das Hotel an und treiben einen solchen Bau als NUV schon lange an, weil der Bedarf erkannt ist. Sind alle Hoffnungen darauf begraben?
Tja, wir hatten endlich eine tragbare Lösung. Die ist nun vom Tisch. Und mit ihr wohl auch alle anderen Hotelpläne in der Stadt. Es ist blamabel, wenn ein kleines Städtchen wie Bad Sachsa eine Handvoll großer Hotels vorweisen kann und eine vitale Stadt wie unsere es nicht hinbekommt, ein Hotel, das dem Bedarf entspricht, zu bauen. Ich hoffe, dass die, die die jüngsten Vorstöße abgewehrt haben, nun Ideen vortragen, wie Nordhausen sich in dieser Hinsicht aufstellt. Ich sage es deutlich: Tourismus ist ein Wirtschaftszweig.

Wofür wir nun einen Qualitätsmanager haben, der das Thema bearbeiten soll.
Genau. Im sachsen-anhaltischen Teil des Südharzes läuft die Arbeit mit dem dortigen Qualitätsmanager sehr gut an. Dort sind schon zwei, drei Projekte angestoßen – innerhalb des von uns sehr beförderten Sky-Konzeptes . . .

. . . das die Qualität im Südharzer Tourismus heben soll.
Wir müssen es nun nachmachen. Der neue Qualitätsmanager in Nordhausen muss in der Region dauerhaft präsent sein und sich eine Akzeptanz bei den Unternehmen der Tourismusbranche erarbeiten, bei Hoteliers und Wirten. Wir müssen zügig das Gremium bilden, dem der Qualitätsmanager Rechenschaft abgibt. Darin sollten die Bürgermeister involviert sein, aber auch aktive Touristiker.

Das sind engagierte Worte. Aber wie kürzlich geschrieben, hat die Stadt nicht einmal ein Konzept, weder für den Tourismus noch für den Neubau oder Erhalt von Radwegen.
Die Kreisstadt muss dafür Lösungen finden. Es ist nicht hinnehmbar, dass nach 25 Jahren die Orteteile immer noch nicht radwegetechnisch angebunden sind. Zum Glück geht es in dieser Hinsicht im sonstigen Landkreis allmählich voran.

Kaum ein Thema verzahnt wirtschaftliche Interessen und Tourismus so stark wie die Debatte um ein Biosphärenreservat. Wie stehen Sie dazu?
Bei diesem Thema wurde in der Vergangenheit viel Porzellan zerbrochen. Das liegt uns nun im Weg. Die Wirtschaft hat zunächst kein Problem damit, das Thema zu behandeln, wenn es nicht als Instrument gedacht ist, Rohstoffabbau zu verhindern.
Wie ich es verstehe, geht es der Unesco beim Biosphärenreservat darum, Mensch und Natur als Einheit zu begreifen. Dazu gehört auch ein sorgfältig durchdachter Rohstoffabbau.
Der NUV wird sich also konstruktiv einbringen, wir gehen mit in die Arbeitsgruppen. Ich erwarte aber vom Land einen konstruktiven Vorschlag, wo die Kern-, Pflege- und Entwicklungszonen für dieses Reservat ausgewiesen werden sollen.

 

Damit sich alles darüber zerreißt, wie bei der Gebietsreform?
Nein, damit Ängste genommen werden, die vielleicht gar nicht nötig wären. Was nützt es, über Ungewisses zu reden? Zum anderen brauchen wir erst einmal Projekte und Akteure, die hier vorangehen, vielleicht auch verzahnt mit dem Sky-Projekt. Im Moment beobachte ich bei vielen Akteuren noch zu viel Ideologie. Die muss raus.

Im vorigen Jahr hat der NUV einen enormen Angriff gestartet, die Außenwirkung des Landkreises zu verbessern. Geht das weiter? Oder ist die Luft raus?
Es geht weiter, sogar mit einem guten Start, der Internationalen Grünen Woche. Die werden wir natürlich nutzen, auch Erfurt zu zeigen, dass wir es ernst meinen. Niemand muss mehr fordern, dass wir selbst uns erst einmal einig sein sollten. Wir sind uns einig. Auch Kreisstadt und Landkreis ziehen zum Glück inzwischen stärker an einem Strang. Auch bei der Expo real wollen wir uns wieder einbringen.

Und knacken Sie die Mitgliederzahl von 200?
Ja, sicher schon im ersten Halbjahr. Aber ich bin ehrlich: Mit unserem ehrenamtlichen Vorstand stoßen wir da auch langsam an Grenzen.

Quelle: Thüringer Allgemeine, 11.01.2018