Moderne Region oder Entwicklungsland?

Donnerstag, 13. April. 2006

Der Rektor der Fachhochschule hatte eingeladen. Wissenschaft hautnah an der Wirklichkeit mit der Vortragsreihe “Impulse“ direkt gegenüber dem Kompetenzzentrum. Dazu Anmerkungen von Dr. Horst Kox aus Sollstedt.

 

Dem Ansinnen der Vortragsreihe entsprach der Vortragende, Andreas Krey, Chef der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringens (LEG), der seinen Vortrag mit „Zukunftsregion Nordthüringen“ überschrieben und ausdrücklich zur Diskussion angeregt hatte. Nach dem Positionspapier des Nordhäuser Unternehmerverbandes (NUV), das mutig eine neue regionale Wirtschaftsstrategie angekündigt hatte, stellte sich ein Hauptakteur der Wirtschaftsförderung im Freistaat den dazu anlaufenden Debatten in Nordthüringen mit seinen Visionen. Man sollte das als ein Signal für

Gemeinsamkeit, aber mehr noch für akute Dringlichkeit werten. Die formulierten Ideen konzentrierten sich auf Folgerungen aus der wirtschaftsgeographischen Lage der nordthüringischen Region, so zwischen den großen Automobilherstellern (VW, BMW und Porsche in Leipzig und der Opeltochter in Eisenach).

 

Die Schlussfolgerung daraus sah der LEG-Chef zumindest in der möglichen Konzentration auf die Zulieferindustrie für die Autoproduzenten. Dass gerade in diesem Industriezweig Unternehmenskonzentrationen vollzogen und neue angekündigt wurden, Entlassungswellen Alltagsrealität sind, wurde aber für diese Branche weitgehend verdrängt. Zusätzlich sah Krey noch eine Anziehungskraft für Investoren im allgemeinen niedrigen Lohnniveau in unserer Region.

 

In den Abiturprüfungen an unseren Gymnasien sind das aber haargenau jene Kriterien, mit denen Entwicklungs- oder Transformationsländer klassifiziert werden. Die Zunahme des Dienstleistungssektors, Arbeitsplätze in angewandter Forschung und moderner Bildung müssen konsequent unsere Wirtschaftsstrategie bestimmen, wenn wir schon so verspätet daherkommen. Selbst das Uralt-Ritual „Industriegebiet Goldene Aue“, mittlerweile als Vorhaltefläche rückgestuft, dient jetzt mehr der Gesichtswahrung innovationsresistenter Kräfte als einer Standortbegründung.

 

Der Nordhäuser Unternehmerverband ist nun am Zug. Berufen kann er sich auf die Visionen der LEG nicht, denn diese fungiert als landesweiter Wirtschaftsförderer auch Unternehmensplatzierer, nicht aber als strategischer Vordenker. Der Geschäftsführer der LEG Thüringen kam an die Nordhäuser Fachhochschule, um seine Vision vorzutragen und damit auch deren Tragfähigkeit bei anschließenden Fragen und Gegenpositionen zu testen. Das ist angemessen und zugleich nachahmenswerter Stil. So und nur so wird Kompetenz ausgewiesen. Leider stellten sich die anwesenden Wirtschaftsförderer als ein Netzwerk der Schweigenden dar. Sollte man so die Chance für einen Test eigener Ideen verstreichen lassen? Aber gerade hier gilt: „Wer zu spät kommt, …“

 

Die Notwendigkeit einer ehrlichen Strategiedebatte wird für Nordhausen, für unsere Region immer zwingender.

 

Dr. Horst Kox

nnz-online.de