EMOTIONALE DEBATTE ZUM GIPS-ABBAU

Mittwoch, 18. September. 2019

NORDHAUSEN Auf Einladung des Nordthüringer Unternehmerverbandes diskutierten im Nordhäuser Bürgerhaus Politiker, Wissenschaftler, Firmenvertreter und Bürger.

Wenn es eine alles und alle verbindende Botschaft beim gestrigen Gips-Dialog des Nordthüringer Unternehmerverbandes (NUV) im Bürgerhaus gab, dann die: Man muss miteinander über die Zukunft des Gips-Abbaus in der Südharz-Region reden und gemeinsam nach tragfähigen Kompromissen suchen. Insofern hätte man der Auseinandersetzung gerade vor den anstehenden Landtagswahlen gern mehr politische Entscheidungsträger im Podium gewünscht. Gekommen war Christian Hirte (CDU), parlamentarischer Staatssekretär und Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer. Die ebenfalls eingeladenen Thüringer Spitzenkandidaten Bodo Ramelow (Die Linke) und Mike Mohring (CDU) blieben fern beziehungsweise waren verhindert.
Vorgetragen und geredet haben im Ratssaal neben dem Bundespolitiker Wissenschaftler, Verantwortliche der Gips fördernden und verarbeitenden Betriebe, Kommunalpolitiker, Umweltschützer und Bürger. Tatsächlich hatten alle bei der zum Ende hin auch wieder emotional geführten Debatte aus ihrer jeweiligen Sicht gute Argumente. Vorgetragen wurden die Vorzüge des Gipses beim nachhaltigen Bauen und Sanieren ebenso wie die nicht unerheblichen Wirtschafts- und Steuerbeiträge der Südharzer Gips-Unternehmen in einer ansonsten strukturschwachen Region.
Einmal mehr verwiesen Vertreter und Fürsprecher der Gipsindustrie auf die Verfügbarkeitslücke beim Gips, die durch den für 2038 beschlossenen Kohleausstieg entstehen wird. Gemeint ist der sogenannte REA-Gips, der bei der Reinigung der Abgase aus den Rauchgasentschwefelungsanlagen gewonnen wird. Jährlich sind das 6 Millionen Tonnen, die ersetzt werden müssten, wenn der hohe Gipsbedarf weiterhin befriedigt werden soll. Im länderübergreifenden Südharzer Zechsteingürtel finde sich dafür mit dem deutschlandweit größten zusammenhängenden Naturgips-Reservoir eine entsprechende Alternative, die nicht blockiert werden dürfe, so die Industrie.
Bestätigt sah man sich hierin durch den Abschlussbericht der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“, kurz Kohlekommission, in dem es auf Seite 86 heißt: „Um die Wertschöpfungsketten der Gips­­industrie zu erhalten, sind Maßnahmen zu ergreifen, um den fortschreitenden Wegfall an REA-Gips durch eine zusätzliche umweltverträgliche Gewinnung von Naturgips auszugleichen.“ Bei den Zuteilungen der bewilligten Strukturhilfen in Höhe von 40 Milliarden Euro gehe das Südharzer Gipsrevier allerdings bislang leer aus.
Dagegen machte der Vertreter der Naturschutzorganisation BUND geltend, dass ausgewiesene Vorranggebiete die Gipsförderung bereits über mehrere Jahrzehnte sicherten. Würden die Reserven allerdings schon heute komplett ausbeutet, verweigere man kommenden Generationen die Möglichkeit, selbst darüber zu entscheiden, wie sie mit Vorkommen und Landschaft umgehen wollen. Der Südharz stelle als einzigartige Gipskarstlandschaft, in der Gips vielerorts an der Oberfläche zu Tage trete, einen Hotspot der Artenvielfalt dar. Mit dem Abbau würde diese Besonderheit unwiderruflich verschwinden.
Ist also die Berliner Politik schuld, die Beschlüsse fasst, die Folgen vor Ort aber außer Acht lässt, fragte der Moderator den Ostbeauftragten Christian Hirte? Der verteidigte den Kohleausstieg als unverzichtbar für die Reduzierung der Umweltbelastungen und damit für den Klimaschutz. Regionale Umweltfolgen durch den Mehrabbau von Naturgips müssten da zurückstehen. Allerdings mache es sich der Abschlussbericht mit seiner Forderung nach „umweltverträglicher Gewinnung“ zu einfach. Bergbau sei immer ein Natureingriff und nicht per se umweltfreundlich, sagte Hirte.
Erörtert wurde auch, ob und in welchem Umfang Gips künftig durch Recycling gewonnen oder andere Stoffe ersetzt werden kann. Geforscht wird dazu bereits an der Fachhochschule Nordhausen.

Quelle: Hanno Müller, TA NDH

 

Jörg Wagner (Hochschule Nordhausen), Hans-Joachim Junker (NUV), Lars Kothe (Arbeitsgemeinschaft Harzer Gipsunternehmen), Christian Hirte (CDU), Stephan Klante (Vorsitzender des Gemeinde- und Städtebundes, CDU) und Burghardt Vogel (BUND Thüringen, von links) stellten sich gestern im Ratssaal des Bürgerhauses in Nordhausen der kontroversen Diskussion über die Zukunft des Gips-Abbaus in der länderübergreifenden Südharz-Region. Foto: Marco Kneise

Jörg Wagner (Hochschule Nordhausen), Hans-Joachim Junker (NUV), Lars Kothe (Arbeitsgemeinschaft Harzer Gipsunternehmen), Christian Hirte (CDU), Stephan Klante (Vorsitzender des Gemeinde- und Städtebundes, CDU) und Burghardt Vogel (BUND Thüringen, von links) stellten sich gestern im Ratssaal des Bürgerhauses in Nordhausen der kontroversen Diskussion über die Zukunft des Gips-Abbaus in der länderübergreifenden Südharz-Region. Foto: Marco Kneise