Tochter auf dem Chefsessel

Freitag, 06. März. 2020

Carina Schmidt-Pförtner übernahm den Technologie-Dienstleister HS Industrie Service in Nordhausen von ihrem Vater. Ihre Geschichte zeigt, wie eine Nachfolgelösung in der Familie erfolgreich gelingen kann – auch wenn das gar nicht geplant war.

Als Carina Schmidt ihrem Vater sagt, dass sie sein Unternehmen in Zukunft übernehmen würde, steht er mit offenem Mund und großen Augen vor ihr. „Er konnte es erstmal kaum glauben“, erzählt die lebhafte Unternehmerin mit einem gewinnenden Lachen. Damals war sie Mitte 20 und hatte eigentlich ganz andere Pläne. London! Internationale Finanzwelt! Doch es kam anders. Die Liebe und die Gesundheit änderten ihre Absichten.

Seit gut fünf Jahren führt die studierte Bankwirtschafterin nun den Thüringer Technologie-Dienstleister HS Industries Service allein – ein Unternehmen mit 40 Mitarbeitern in Nordhausen und Gotha und mindestens vier Millionen Euro Umsatz. Zu ihrem Team gehören vor allem Spezialisten für Hydraulik und Pneumatik, sie beliefern und betreuen Kunden von großen Autobauern bis zu kleineren Landwirten. Zur Erfolgsgeschichte gehören Exklusivvertretungen für große Marken wie den Automatisierungskonzern Festo. Der Gründer und Vater aber, heute 68, genießt sein Privatleben mit seiner Frau. Er bringt nur noch hin und wieder etwas Obst oder Gemüse vorbei – aus seinem Garten, seiner alten und neuen Leidenschaft.

Carina Schmidt-Pförtner empfängt Besucher in ihrem Büro im ersten Stock des Firmensitzes, keine Vorzimmer, keine langen Flure. Die selbstbewusste Unternehmerin braucht keine Statussymbole, um sich in der Männerdomäne zu behaupten. Die 41-Jährige kennt ihr Geschäft: Sie hat in Leipzig Bankwirtschaft studiert und den Abschluss mit 21 gemacht, bei der Bundesbank in Frankfurt gearbeitet und alles Übrige in einem gut geplanten Prozess von ihrem Vater gelernt.

Schon mit Anfang 50 macht sich Hans-Jürgen Schmidt Gedanken über seine Nachfolge. Zu seinem einzigen Kind sagt er: Bevor ich das Unternehmen an Dritte verkaufe, will ich dich wenigstens gefragt haben. Zur großen Überraschung sagt die Tochter: Ich mach’s! Sie kennt die Firma seit ihrer Kindheit, früher hat sie sich dort etwas zum Taschengeld dazuverdient. „Man bekommt das unternehmerische Denken ja in die Wiege gelegt.“

Bald darauf steigt Carina Schmidt-Pförtner in die Geschäftsführung ein, jahrelang führen Vater und Tochter die Firma zusammen. „Am Anfang haben wir uns ein Wochenende zusammengesetzt und einen Zeitplan aufgestellt mit allen Themen, die ich lernen musste – von der Buchhaltung über den Vertrieb bis zur Technik. Mein Vater wollte, dass jemand übernimmt, der es wirklich kann.“ Die Aufgabenliste haben sie genauso durchgezogen, wie sie auf dem Papier stand, samt Seminaren, wachsender Kunden- und Lieferantenverantwortung und viel Feedback. Ende 2019 wurden sie für die erfolgreiche Übernahme vom Thüringer Zentrum für Existenzgründungen und Unternehmertum „ThEx“ ausgezeichnet.

Dabei standen die Vorzeichen bei den leidenschaftlichen Schmidts anfangs gar nicht so günstig: „Mein Vater war im Haus die unangefochtene Leitfigur, die Menschen sind ihm gern gefolgt, weil er Autorität ausstrahlt. Aber er hatte auch die Fähigkeit, loszulassen und meinen frischen Wind hereinzulassen“, erzählt die Tochter und strahlt. Der Patron hat es den Mitarbeitern vorgelebt und immer mehr Entscheidungen delegiert. Umso schwerer fiel dann der Abschied. „Als er das letzte Mal vom Hof gefahren ist“, erzählt sie, „hatten wir Tränen in den Augen. Und eine ordentliche Portion Respekt vor dem, was vor uns lag.“

Zu DDR-Zeiten hatte der Maschinenbauer im Großunternehmen Schachtbau Großgeräte unter Tage gewartet. Nach der Einheit hob er sein Unternehmen aus der Taufe. Lösungen für Hydraulik waren damals Mangelware, aber begehrt. Er baut das Einfamilienhaus um, aus Wohnräumen werden Werkstatt, Laden und Büros. Der Standort in Gotha entsteht, das Team wird größer. „Wir wachsen stetig, aber gesund“, sagt Carina Schmidt-Pförtner. „Gewinne werden oft wieder investiert.“ Gewagte Großinvestitionen sind indessen nicht ihr Ding. „Wir tragen Verantwortung für 40 Mitarbeiter und deren Familien. Also geben wir nur das Geld aus, das wir haben.“ Künftig will sie das Unternehmen noch stärker auf Digitalisierung und Automatisierung in der Industrie 4.0 ausrichten. „Wir sind auf dem Weg zum führenden Experten und Dienstleister für Hydraulik und Pneumatik in der Region.“

Als Tochter des Chefs, zudem weiblich, branchenfremd und ohne Öl an den Händen, habe sie sich mit großem Ehrgeiz beweisen müssen. Heute aber managt sie die Firma unangefochten, auch ohne eine Maschine reparieren zu können. Sie führt das Haus mit Teamgeist und Gesprächen auf Augenhöhe. „Ich bin wie die Kollegen um 6:30 Uhr im Betrieb, da muss man Vorbild sein“, sagt sie. „Meine Eltern haben mich gelehrt, mir meiner Stärken und Schwächen bewusst zu sein – unabhängig davon, ob du Mann oder Frau bist.“

Und auch nach außen nutzt sie ihre Außenseiterrolle als Frau mit Ausstrahlung, auch wenn sie die große Bühne eigentlich nicht mag. „Wenn ich in der Branche unterwegs bin, sind von 100 Leuten 97 Männer. Als blonde Frau bekomme ich unwillkürlich Aufmerksamkeit, die ich für unsere Themen nutze.“ So engagiert sich Carina Schmidt-Pförtner im Landesvorstand des Verbands deutscher Unternehmerinnen (VDU), im Nordthüringer Unternehmerverband und im Verband automotive thüringen„Man sollte seinen Teil für die Gesellschaft beitragen“, findet die Unternehmerin.

Eines Tages wird auch Carina Schmidt-Pförtner eine Nachfolgelösung finden müssen, eigene Kinder hat sie nicht. Schon heute versucht sie, junge Leute für einen ähnlichen Weg zu motivieren. Als Mentorin begleitet sie junge Frauen in Unternehmensführungen. „Man muss einfach Mut machen“, sagt sie. „Das Selbstvertrauen wächst an der Arbeit und mit den Entscheidungen, die man Tag für Tag trifft.“

Quelle: Ostdeutscher Bankenverband // Interview und redaktionelle Bearbeitung durch: Sven Heitkamp | Freier Journalist | Leipzig
https://ostbv.de/portfolio/mittelstand-branchen-tochter-auf-dem-chefsessel/

Bildquellen: HS Industrie Service GmbH

 

Auszeichnung für die erfolgreiche Nachfolge, ThEx