Nordthüringer Unternehmerverbandschef: "Politik muss jetzt Vertrauen zurückgewinnen"

Mittwoch, 30. Dezember. 2020

Nordhausen. Niels Neu fordert in Corona-Krise neue Debattenkultur und klarer erkennbare Wirtschaftspolitik

Selbstständige, die Verschwörungstheorien im Internet teilen. Firmenbosse, die in sozialen Netzwerken die Gefahren des Corona-Virus vehement leugnen. Es sind Beobachtungen wie diese, die einen aufhorchen lassen. Allerorts wird die Debattenkultur rauer.

Das hat auch der Nordthüringer Unternehmerverband (NUV) festgestellt, wie deren Vorsitzender Niels Neu jetzt im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt hat. „Die Unternehmerschaft steht“, betont er eingangs und erklärt, dass die Corona-Krise die Nordthüringer Unternehmerschaft gar noch enger zusammenrücken lassen hat. „Der Austausch war besser, Weihnachtsgeschenke sind plötzlich persönlicher“, beschreibt er seine Beobachtungen der vergangenen Wochen.

Hat die Politik immer den richtigen Weg gewählt?

Und doch bemerke der NUV-Chef bei manchem Unternehmer einen starken Vertrauensverlust in Institutionen und dass Fakten infrage gestellt würden. „Es sollte doch keiner mehr diskutieren, dass das Virus gefährlich ist und nur noch die Maxime 'Abstand, Abstand, Abstand' hilft“, sagt er. Doch einige tun dies. Aus Neus Sicht sollte das gerade der Politik Warnung sein. „Denn was man tatsächlich diskutieren kann und sollte, ist, ob die Politik immer den richtigen Weg im Umgang mit der Pandemie gewählt hat.“ Aus seiner Sicht wurde das vorab zu wenig parlamentarisch debattiert und anschließend aufgearbeitet beziehungsweise ausgewertet. Die Folge: „Das Vertrauen in Politik sinkt.“

Ihn erinnere die aktuelle Situation an den Beginn der Flüchtlingskrise 2015. Da habe auch keiner mehr sachlich Argumente ausgetauscht. „Nun geht das glücklicherweise wieder, wie der jüngste Kreistag und die Gespräche über einen Antrag der Linken beweisen.“ Derartige Debatten können aus Neus Sicht helfen, Vertrauen wieder zurückzugewinnen. Gerade in einem Wahljahr voller Versprechen wie 2021 sei dafür eine gute Zeit.

Vor allem aber sollte der Kurs, die politische Strategie, klarer sichtbar gemacht werden, appelliert der NUV-Chef an Kreis-, Landes- und Bundespolitik. Einen Lockdown und seine mögliche Dauer in zeitlichen Scheibchen zu vermitteln, sei kontraproduktiv.

Unsicherheit bei den Firmenlenkern

Er vermutet, dass wegen solcher Erfahrungen Politiker bei einigen Unternehmern immer mehr Kredit verspielen. „In jedem Unternehmer steckt das Gen des Rechnens“, erläutert Neu. Jetzt ausgezahlte Hilfen müssten irgendwann in Zukunft wieder erwirtschaftet werden. Das sei jedem klar. „Dafür braucht es aber klare Leitplanken, wie dieser Schuldenabbau funktionieren soll. Wo fährt der wirtschaftliche Zug ab 2021 lang? Wie reagieren wir darüber hinaus auf das neue asiatische Freihandelsabkommen“, fragt Neu, dem eine dafür nötige Wirtschaftspolitik aus Berlin fehlt. Das schüre Misstrauen und „eine gefühlte Unsicherheit“ unter Firmenlenkern.

Hinzu gesellen sich noch die Folgen der Kontaktbeschränkungen, mutmaßt er. „Wenn kein direkter Austausch über Fachtagungen mehr möglich ist, verlagert mancher Unternehmer vielleicht seinen Austausch komplett in die Sozialen Medien.“ Dass hier Fakenews wie wild ins Kraut schießen, dürfte kein Geheimnis sein.

Am Ende von Niels Neus Erklärungsversuch steht ein Appell an Unternehmer, die das Vertrauen verlieren. „Hinter Corona steckt ganz sicher keine Verschwörung, die uns mundtot machen will.“ Er selbst habe gegen eine Schließung der Gastronomie mehrfach das Wort erhoben und keine Sanktionen zu fürchten gehabt, nennt er ein einfaches Beispiel.

Quelle: Peter Cott, TA Nordhausen, 28.12.2020: Nordthüringer Unternehmerverbandschef: „Politik muss jetzt Vertrauen zurückgewinnen“ | Nordhausen | Thüringer Allgemeine (thueringer-allgemeine.de)

Niels Neu ist Vorsitzender des Nordthüringer Unternehmerverbandes (Bild: Thomas Müller / TA)