"Ich will nicht immer in Erfurt um Freiheiten betteln müssen"

Mittwoch, 14. April. 2021

“Wir fordern von der Thüringer Landesregierung endlich ein flexibleres Handeln mit dem Modellprojekt zur Öffnung der Geschäfte im Landkreis Nordhausen”. Das ist die Meinung der Menschen, die sich am Mittag zu einer Runde in einem Autohaus der Peter-Gruppe zusammenfanden.

Hausherr Helmut Peter freute sich zu Beginn des Gespräches, dass es dem Landkreis Nordhausen zweimal hintereinander gelungen sei, der Landesregierung zwei Wochen geöffneter Geschäfte abzuringen. “Wir müssen da unbedingt auch weiterhin an einem Strang ziehen”. Mit “wir” meinte der Unternehmer die Wirtschaft sowie die Politik der Region. Niels Neu, der Vorstandsvorsitzende des Nordthüringer Unternehmerverbandes, freute sich, dass vor allem Landrat Matthias Jendricke in Erfurt für die Modellregion Nordhausen gekämpft habe.

In Richtung der Landes- und Bundespolitik sparte Neu nicht mit massiver Kritik. “Statt immer neuer Namen für den nächsten Lockdown zu finden, sollten sich die Verantwortlichen um das kümmern, was zur Lösung der Pandemie notwendig wäre: Impstoff und Tests beschaffen.” Weder das eine noch das andere sei bislang so gelungen, wie sich das die Menschen von diesem Deutschland vorgestellt hatten.

Die Vertreter der Nordhäuser Marktpassage, des Domäne-Marktes und des Gewerbevereins Nordhausen sprachen sich überwiegend positiv zum Modellprojekt aus. Sei das Projekt am Dienstag nach Ostern noch verhalten angelaufen, so war der Einzelhandel mit dem Mittwoch und Donnerstag zufrieden. Zufrieden natürlich unter den vorgegebenen Umständen. Einig waren sich alle, die heute am Tisch saßen, dass bei einer Inzidenz unter der entscheidenden Marke von 100, die Freiheitsrechte zurückgegeben werden müssen.

Matthias Jendricke wolle nicht immer in Erfurt betteln, sondern will klare Ansagen bekommen. Bei einer niedrigen Inzidenz könne umfassend eingekauft werden. Der Landkreis Nordhausen werde dazu unter anderem die Test-Infrastruktur auch weiterhin zur Verfügung stellen. Bei seinem Tun in Richtung der Landeshauptstadt wolle er auch weiterhin für diese Freiheitsrechte kämpfen. Hoffnungen habe Jendricke in Bezug auf das novellierte Infektionsschutzgesetz der Bundesregierung, das Regionen unter der “100” weitgehende Freiheiten zulasse.

Was die aktuelle Situation betrifft, die immer noch maßgeblich durch die Pandemie geprägt ist, habe sich doch gezeigt, dass ein gemeinsames Handeln von Politik und Wirtschaft maßgeblich für die bisherigen Erfolge verantwortlich gewesen sei. Und sei es, wenn ein Unternehmer in Nordhausen die Telefonnummer des Thüringer Ministerpräsidenten in seiner Kontaktliste habe und die Landtagespräsidentin aus dem Landkreis komme, so Jendricke.

Die beiden Modellphasen haben nicht nur lang ersehnte Freiheiten gebracht, sie waren auch eine "Schule" für die Handelnden. So wurde zum Beispiel der Testbus vom Autodrom abgezogen und ist nun auf dem Möno-Parkplatz stationiert.

Alles Bemühen von Politik und Wirtschaft wird natürlich durch die Testergebnisse beeinflusst. Aktuell steht der Landkreis Nordhausen laut Landratsamt bei knapp unter 96. Hier sieht Jendricke vor allem das "Einlaufen" der Testergebnisse aus den Schulen der Stadt und des Landkreises als Ursache. Sollte morgen der Wert immer noch unter 100 sein, so wird der Landrat eine Fortführung des Modellprojektes beantragen.

Sollte das nicht der Fall sein, dann wird das Projekt temporär beendet. "Das ist nicht das, was wir hier im Landkreis Nordhausen wollen. Allerdings werden die Ministeriellen dann erleichtert sein, dass die da oben in Thüringen endlich Ruhe geben", meinte Jendricke mit einer gehörigen Portion Sarkasmus.

Für die Händler hingegen sei die Schmerzgrenze längst erreicht, viele würden sich überlegen, ob sie nach einem vielleicht letzten Blick auf das Geschäftskonto eventuell doch aufgeben müssen. Das allerdings sei der Politik in Erfurt oder Berlin nicht oder nur schwer zu vermitteln.

Quelle: Text und Bild Peter-Stefan Greiner, nnz-online nachzulesen unter:https://www.nnz-online.de/news/news_lang.php?ArtNr=290344

Beratung im Autohaus (Foto: nnz-online)