75 Jahre SWG
Was einst mit wenigen Wohnungen begann, ist heute ein Unternehmen zwischen sozialem Auftrag, Klimawandel und den Geschichten ganzer Generationen.
Nordhausen. Manche Wohnungen sind mehr als vier Wände. Sie sind Kinderzimmer, Zufluchtsort, Erinnerungsalbum. Orte, an denen Menschen Jahrzehnte ihres Lebens verbringen. Wenn Inge Klaan von Mietern erzählt, die seit über 90 Jahren in derselben Wohnung leben oder seit Generationen im gleichen Quartier zu Hause sind, wird deutlich: Die Geschichte der Städtischen Wohnungsbaugesellschaft (SWG) in Nordhausen ist weit mehr als eine Chronik aus Beton, Zahlen und Bauplänen. Sie ist ein Stück Stadtgeschichte – und vor allem eine Geschichte von Menschen.
Zwischen Aufbruch und Zusammenbruch
In diesem Jahr feiert die SWG ihr 75-jähriges Bestehen. Entstanden ist sie in einer Zeit, in der Nordhausen noch von den Folgen des Krieges geprägt war. Anfang der 1950er-Jahre verwaltete die Kommune gerade einmal 738 Wohnungen in 178 Gebäuden. Wohnraum war knapp, viele Häuser zerstört, der Bedarf riesig. Aus dieser Situation entwickelte sich zunächst der VEB Kommunale Wohnungsverwaltung, später die heutige SWG. Mit dem industriellen Wachstum der DDR entstanden Tausende Wohnungen, vor allem in Nord, Ost und Salza. Wer damals eine moderne, fernbeheizte Wohnung bekam, galt als Glückspilz. Dennoch blieb die Nachfrage stets größer als das Angebot.
Die Deutsche Einheit brachte für die Wohnungswirtschaft eine Zeitenwende. Aus dem volkseigenen Betrieb wurde Anfang der 1990er-Jahre die heutige SWG, allerdings belastet mit mehr als 108 Millionen D-Mark Altschulden. Gleichzeitig musste sich das Unternehmen plötzlich in einer Marktwirtschaft behaupten. Wohnungen wurden verkauft, andere an Alteigentümer zurückgegeben. Viele ostdeutsche Städte verloren Einwohner – auch Nordhausen. Zwischen 2002 und 2007 ließ die SWG deshalb rund 1000 Wohnungen zurückbauen. Ganze Quartiere veränderten sich.
Doch genau in dieser Phase begann auch ein neues Denken. Aus reiner Wohnungsverwaltung wurde zunehmend Stadtentwicklung. Sichtbar wurde das spätestens zur Landesgartenschau 2004. Rund um die Rautenstraße entstanden modernisierte Quartiere, neue Infrastruktur und Projekte, die Nordhausen ein neues Gesicht gaben. Für ihre Konzepte erhielt die SWG sogar den Innovationspreis der Thüringer Wohnungswirtschaft.
Heute bewirtschaftet die SWG rund 5000 Wohnungen und bietet nach eigenen Angaben etwa 15.000 Menschen in Nordhausen ein Zuhause. Die durchschnittliche Miete liegt bei 5,42 Euro pro Quadratmeter – vergleichsweise günstig in Zeiten explodierender Wohnkosten.
Doch die Herausforderungen wachsen. Geschäftsführerin Inge Klaan beschreibt die Lage der Wohnungswirtschaft als so unsicher wie lange nicht mehr. Steigende Baupreise, hohe Energiekosten, politische Vorgaben und internationale Krisen würden langfristige Planungen erschweren. Viele Wohnungsunternehmen halten sich deshalb mit Neubauten zurück. Die SWG dagegen investiert – allein in den vergangenen 10 Jahren unter anderem etwa im Gumpetal, in der Schärfgasse oder ganz aktuell mit dem Neubauprojekt „Franzi“, das den Ossietzky-Hof komplettieren soll.
Besonders stark setzt die SWG inzwischen auf die Modernisierung bestehender Quartiere. Der sanierte Ossietzky-Hof gilt dabei als Vorzeigeprojekt. Dort werden Wärmepumpen, Fernwärme und Photovoltaik kombiniert, um Energiekosten zu senken und Wohnraum klimafreundlicher zu machen. Gleichzeitig werden Wohnungen altersgerechter umgebaut, etwa durch bodengleiche Duschen statt Badewannen.
Denn der demografische Wandel verändert auch die Wohnungswirtschaft. Viele ältere Menschen möchten trotz gesundheitlicher Einschränkungen in ihrer vertrauten Umgebung bleiben. Für Inge Klaan ist das nicht nur eine wirtschaftliche Frage, sondern auch ein sozialer Auftrag. Wohnen bedeute Sicherheit, Vertrautheit und Würde.
Hinzu kommt ein Problem, das für viele Mieter unsichtbar bleibt: Zahlreiche Leitungen aus den 1990er-Jahren müssen inzwischen erneuert werden, weil das damals verbaute Material altert. Deshalb laufen derzeit in nahezu allen Stadtteilen gleichzeitig Sanierungsarbeiten.
Zwischen Schrumpfung und neuen Ideen
Trotz aller Investitionen blickt die SWG auch mit Sorge auf die Zukunft. Bevölkerungsprognosen gehen langfristig von einem deutlichen Rückgang aus. Deshalb müsse künftig genau überlegt werden, wo sich Neubauten und Sanierungen noch lohnen und wo möglicherweise erneut Rückbau notwendig werde.
Gleichzeitig entstehen neue Ideen für die Stadtentwicklung. Besonders im Fokus steht die Rautenstraße 1. Der Wohnblock soll abgerissen und durch moderne Konzepte ersetzt werden. Ein städtebaulicher Wettbewerb, der neue Impulse für Wohnen und Gewerbe bringen könnte, wäre hier Klaans Wunsch.
Auch Digitalisierung und künstliche Intelligenz halten zunehmend Einzug. Heizungsanlagen werden bereits digital überwacht, Verwaltungsprozesse automatisiert. Den Menschen ersetzen könne Technik jedoch nicht, sagt Klaan. Gerade beim Wohnen gehe es immer auch um persönliche Geschichten.
Und vielleicht ist genau das das Geheimnis der SWG nach 75 Jahren: Dass sie nicht nur Wohnungen verwaltet, sondern Orte schafft, an denen Erinnerungen entstehen. Orte, die für viele Nordhäuser längst ein Teil ihres eigenen Lebens geworden sind.
Öffentlich wird der 75. Geburtstag der SWG am Samstag, dem 13. Juni, im Rahmen des Nordhäuser Rolandsfestes mit einem großen Familien- und Kinderfest auf dem Petersberg gefeiert.
Autor: Marco Kneise, TA Nordhausen, 09.05.2026 unter: Ein Zuhause fürs Leben: Warum dieses Unternehmen aus Nordhausen für viele mehr ist als nur ein Vermieter



























































































































































