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Die Wald-Katastrophe

  |   Allgemein

Diskussion um Wald und Rotwild

In den Wäldern zwischen Südharz und Thüringer Wald herrschen dieser Tage katastrophale Zustände. Anhaltende Trockenheit und Borkenkäferplage setzen der Kulturlandschaft Wald zu, die befürchteten Schäden gehen in die Millionen. Angesichts der Lage hofft die Interessengemeinschaft zum Erhalt des Rotwildes im Harz nun auf mehr Verständnis aus Erfurt, die Schäden durch Wildverbiss stünden in keinem Verhältnis zur aktuellen Katastrophe...

Es rauscht gewaltig im Thüringer Blätterwald, von einer "Jahrhundertkatastrophe" ist die Rede, von "Dystopie" und "Horror" in Thüringens Wäldern. Die anhaltende Trockenheit des vergangenen und des laufenden Jahres sowie der Schädlingsbefall durch Borkenkäfer, Schwamm- und Eichenprozessionsspinner setzen vor allem Fichten und Buchen zu. Und die machen rund dreiviertel des hiesiegen Baumbestandes aus.

Die Schäden sind in Euro kaum zu beziffern, gut 80.000 Festmeter Fichtenholz sind seit Jahresbeginn im Südharzer Revier betroffen, erklärt Knut Apel, stellvertretender Leiter des Bleicheröder Forstamtes, also schon jetzt soviel, wie im gesamten vergangenen Jahr. Zum Vergleich: auf eine Lkw-Ladung passen etwa 25 Festmeter Holz, der Schaden beläuft sich aktuell also auf etwa 3.200 vollgepackte Lkw-Ladungen. Hinzu kommen die Schäden im Buchenbestand, die 2018 noch keine signifikante Größe darstellten. Auf 43.000 Festmeter Holz wird der Schaden hier geschätzt, Tendenz steigend.

Die Probleme liegen vor allem unterhalb von 400 Meter, insbesondere an Südost- und Südwesthängen sowie auf den Plateaus der Hainleite und des Dün, erklärt Apel, hier ist es zu warm und das Wasser zu knapp.

Die Schäden durch Trockenheit und Schädlinge seien ein "enormer Verlust an Vermögen", schätzt der Förster ein. Sein Forstamt Bleicherode untersteht dem ThüringenForst. Rund 200.000 Hektar Staatswald bewirtschaftet die Behörde, der Wald ist ein beträchtlicher Wirtschaftsfaktor, welcher dem ThüringenForst eigentlich ein Auskommen ohne weitere staatliche Zuschüsse sichern sollte. Das zumindest war einmal der Plan. Die aktuelle Lage hat das Vorhaben ins Gegenteil verkehrt, viele Stämme sind von minderer Qualität, bleiben liegen oder können nur billig auf dem Markt angeboten werden. Das Problem ist nicht auf Thüringen beschränkt, sondern betrifft Europaweit ganze Regionen, mit der Folge das die Holzpreise auf Talfahrt gegangen sind. Bis 2022 will der Freistaat nun rund 40 Millionen Euro zur Bekämpfung der Waldschäden aufwenden, die ökologische Katastrophe ist somit auch eine ökonomische.

Die wirtschaftliche Argumentation musste bisher auch immer herhalten, wenn es um den Jagdbetrieb ging, der in der Hand des ThüringenForst liegt und an dessen Ausgestaltung man sich im Südharz seit längerer Zeit reibt. Mehr Wild im Wald bedeutet mehr Verbiss, mehr Verbiss bedeutet weniger Ertrag. Ergo: mehr Jagddruck, weniger Wild, mehr Gewinn. Was aus Sicht des ThüringenForst Sinn macht, stößt vor Ort auf wenig Gegenliebe, sowohl bei privaten Jägern als auch bei Vertretern der Gemeinden, bei der Tourismus-Branche und bei Naturfreunden. In der "Interessengemeinschaft zum Erhalt des Rotwildes im Harz" hat man zueinander gefunden und in den letzten Monaten ordentlich Druck aufgebaut. Deutliches Zeichen das man mit dem Thema einen Nerv getroffen hat war eine Podiumsdiskussion im April in Werther, zu der sich, kurz vor den Osterfeiertagen, nicht nur das zu erwartende Fachpublikum einfand, sondern der allgemeine Andrang einen ganzen Saal füllte.

Zwei bis vier große Drückjagden habe es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben, um die Bestände zu reduzieren, oft mit über hundert Jägern, darunter viele Mitarbeiter von ThüringenForst, die dann in mehreren Jagdrevieren zur Dienstzeit jagen, erzählt Niels Neu, selber Jäger und Vertreter der Interessengemeinschaft zum Erhalt des Rotwildes. Der Ansatz sei kontraproduktiv, sowohl aus waldwirtschaftlicher wie aus touristischer Sicht. Ausreichen würde eine einzige Großjagd mit weniger Jägern, ergänzt durch die weit weniger störungsintensive Intervalljagd zu festgelegten Zeiten. Das Wild finde so mehr Ruhe. Weniger Jagdstress bedeute letztlich auch weniger Verbiss, da sich Hirsch und Hirschkuh eher auf ihre Äsungsflächen trauten, anstatt im Wald an Baum und Borke zu knabbern. Der Vorteil für Naturfreunde und Wanderer: die Chancen stehen höher einmal einen kapitalen Hirsch oder Mutter- und Jungtiere in natura zu sehen, anstatt hinter dem Gitter eines Wildgeheges. Der Vorteil für die Jäger: vertrautes, langsam sich bewegendes Wild lässt sich, anders als in der Regel hochflüchtiges Wild auf bewegungsintensiven Drückjagden, „sauber ansprechen“ und damit „weidgerecht“ erlegen. Wo es nötig sei, etwa an frisch gepflanzten Aufforstungen, könne man auch Schwerpunkte setzen und regelmäßig jagen, um die Tiere von dem Gebiet fernzuhalten, meint Neu, zudem müsse die Jagd nicht unbedingt staatliche Aufgabe sein, sondern könne auch aus ThüringenForst ausgegliedert werden. Damit bliebe zum einen der Anstalt mehr Zeit für ihre Kernaufgabe der Forstwirtschaft und zum anderen könnten zusätzliche Einnahmen für die Staatskasse generiert werden.

Bestes Beispiel dafür das die Ansätze der ThüringenForst keinen Erfolg zeitigten, sei das Schwarzwild, meint Neu. Auch hier werde hoher Jagddruck ausgeübt. Anders als beim Rotwild habe sich aber gezeigt, dass die Wildschweine den Stress durch höhere Wurfzahlen ausgleichen und die Population eher zugenommen habe.

Der Vertreter des Forstes widerspricht, man führe schon jetzt in der Regel nicht mehr als eine Drückjagd durch, möglich sei aber, dass es in der Vergangenheit zu Überschneidungen gekommen sei. Im Grunde folge man der Argumentation der Interessengemeinschaft, die Prinzipien, wie sie auf dem Podium in Werther vorgestellt wurden, seien nachvollziehbar. "Eine Drückjagd pro Fläche und ein paar Ansitztage, ansonsten muss Ruhe herrschen, das sollte der Maßstab sein", sagt Apel. Zudem habe man Wildruhezonen ausgelegt, lediglich auf sogenannten "Freiflächen", die zu groß sind, um umzäunt zu werden, müsse öfter gejagt werden.

Bleibt die Frage nach dem wirtschaftlichen Schaden. Angesichts der derzeitigen Katastrophe werde die Diskussion um die Schäden durch Wildverbiss schlicht ad absurdum geführt, meint Niels Neu, man wisse seit 30 Jahren das der Klimawandel Auswirkungen haben werde, die Forstwirtschaft habe aber nicht dagegen gehalten. Anstatt neue Gründe für weiter hohe Abschüsse zu suchen, Man müsse nun zugestehen, das Fehler gemacht wurden und nicht allein das Wild die Schuld trage.

Beide Phänomene in Relation zu setzen sei schwierig, entgegnet der Forst-Vertreter. Zum einen erhalte man nur alle drei Jahre Erhebungen zu Verbiss und Schäle, die neuen Zahlen erwartet man im September. Dazu werden pro Forstamt rund 100 Probepunkte unter verschiedenen Gesichtspunkten begutachtet. Zum anderen sei das Problem aus Sicht des Forstes nicht so sehr der wirtschaftliche Schaden am existierenden Baumbestand, sondern die Beeinträchtigung der natürlichen Waldverjüngung durch das Wild und die damit verbundenen Kosten, die durch Schutzmaßnahmen anfallen. Insgesamt hätten die Schäden durch Wildverbiss abgenommen, die Lage sei aber noch nicht entspannt, so die Einschätzung Apels.

Entspannung und Anspannung

Bei aller Kritik habe man aber in den letzten Wochen und Monaten hinter den Kulissen viel erreicht, sagt Niels Neu weiter. Es habe zahlreiche Gespräche gegeben, auch durch die Vermittlung von Landwirtschaftsministerin Birgit Keller (Linke) und den Abgeordneten Egon Primas (CDU). Das Thema sei angekommen, inzwischen lägen schriftliche Vereinbarungen vor. Inwiefern die Abmachungen auch eingehalten würden, dass müsse die kommende Saison im Herbst zeigen. "Wir haben uns seit der Podiumsdiskussion mit Kritik bewusst zurückgehalten, auch weil die aktuelle Lage eine enorme Herausforderung für den Forst und seine Mitarbeiter darstellt. Letztlich wollen wir einen Konsens. Die Jagd steht in der öffentlichen Diskussion und in der öffentlichen Kritik, hier müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen um Nutzen und Sinnhaftigkeit der Jagd ins öffentliche Bewusstsein zu tragen." Eine rein ökonomische Sichtweise sei dem nicht förderlich, der Wald müsse als ein Stück Natur, nicht als Holzacker und das Wild als Teil dieser Natur, nicht allein als Schädling begriffen werden.

Zwischenmenschlich könnte also vielleicht bald Ruhe einkehren zwischen ThüringenForst, Jägern und Naturfreunden. Im Wald steht man indes vor großen Herausforderungen. Priorität hat im Moment vor allem der Abtransport des geschlagenen Schadholzes, insbesondere der durch Borkenkäfer befallenen Hölzer. Man müsse den Befall nun möglichst schnell "rausziehen und abtragen", noch bevor die Käfer, die noch zwischen Baum und Borke sitzen, wieder ausfliegen, erklärt Apel.

Das betrifft vor allem die Fichte, aber auch bei der Buche ist Eile geboten. Jüngst wurden Hinweise für Wanderführer ausgegeben, ihre Strecken mit wachsamem Auge abzugehen. Trocknen Buchen aus, werden sie schnell brüchig. Es bestehe die Gefahr, das ganze Bereiche für den Menschen unbegehbar werden, warnt Knut Apel. Im Rahmen der Verkehrssicherung sei man deswegen dabei, waldnahe Gebiete, öffentliche Bereiche und Waldtrassen abzusichern. Erst danach werde man sich auch in den tiefer im Wald gelegenen Lagen umsehen können.

Gerade die Buche war eigentlich als probate Pflanze für den langfristigen Waldumbau angedacht, mit dem man den Fehlern der Vergangenheit entgegenwirken wollte, erzählt der Förster. Theoretisch befinde man sich am Harzrand im "Buchenoptimum". Wenn das Klima normal ist. In Zukunft werde man auch auf wärmeresistentere Bäume wie Eiche, Ahorn und Tanne setzen müssen. Neben den "Einheimischen" kommen auch ein paar "Ausländer" wie die Douglasie in Betracht.

"Ohne Wasser wird das natürlich alles nichts.", gibt Apel zu bedenken, man dürfe aber nicht in Aktionismus verfallen. Der fortschreitende Klimawandel sei unbestritten, die Trockenphasen der letzten zwei Jahre seien aber nur "Ausschläge nach oben", hofft der Förster. Sollte er sich irren, dann stehen uns in den kommenden Jahren noch ganz andere Bilder ins Haus. Mit Auswirkungen für Mensch und Tier, die über den Geldbeutel hinausgehen dürften.

Quelle: Angelo Glashagel, nnz-Online

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