Unternehmer sind enttäuscht und sauer
Wingerode. Frust und Enttäuschung herrscht darüber, dass die Politik in der Krise zu wenig tut. Wollten die Unternehmer und Gastronomen, die sich am Mittwoch mit Christian Böduel, Leider des Regionalbüros der Industrie- und Handelskammer (IHK), trafen, erst noch ein positives Signal senden, dominierten dann Kritik und klare Worte zur aktuellen Situation.
Sie wollen von Politikern „keine warmen Worte“ mehr, sondern Taten, und zwar solche, die dem Mittelstand helfen, durch die Krise zu kommen. Ihre Lagebewertung lässt keinen Zweifel aufkommen. Unumwunden sagen sie: „Es ist dramatisch.“
Die vier Männer und eine Frau wissen, wovon sie reden. Die kommen von der Basis und sind Vertreter des Wirtschaftsbeirates aus dem Eichsfeld, Nordhausen und dem Kyffhäuserkreis. Wenn Politiker ihnen sagen „Bleiben Sie cool“, macht sie das fassungslos.
„Die Energie- und Lebensmittelpreiserhöhungen führen zu steigenden Verkaufspreisen in der Gastronomie. Inflation und Kaufzurückhaltung dämpfen deutlich die Umsatzerwartungen.“ Das ist der Kern der jüngsten Konjunkturumfrage der IHK in Nord- und Mittelthüringen- Die Wirtschaft ist im Krisenmodus, sagt Böduel und will nichts beschönigen. Die Aussagen der befragten Unternehmer sprechen eine klare Sprache. Im Fokus: explodierende Energiekosten, Versorgungsengpässe, Fachkräftemangel, Planungsunsicherheit. Da bleibt wenig Raum für Optimismus und Investitionsmöglichkeiten. „So gern wir das tun würden“, meint Gordon Keiling, Inhaber mehrerer Gastronomiebetriebe aus dem Kyffhäuserkreis. Er traf gerade eine sehr schwere Entscheidung und legte einen begonnenen Hotelneubau auf Eis.
Ina Göbel, Inhaberin des Hotels „Kepplers Ecke“ und Vorsitzende des Dehoga-Kreisverbandes Eichsfeld, hoffte nach der Coronapandemie auf bessere Zeiten. Doch nun, berichtet sie, gebe es zwar Buchungen, doch die seien kurzfristiger. Die Menschen sparen bei Gaststättenbesuchen. Sogar im Eichsfeld werden die Feiern kleiner.
Gefreut hatten sich die Gastronomen jetzt auf die beliebten Gänseessen. Bei Preissteigerung um das Drei- bis Vierfache wissen sie nicht, wie die das Angebot händeln sollen, ohne dass Gästen und Wirt das Essen sprichwörtlich im Halse stecken bleibt. Ein Lied davon singen kann der Nordhäuser Alf Grabinsky, auch er hat mehrere Gastrobetriebe. Der Sommer lief gut, doch nun, ohne festen Energiepreis und horrende Mehrkosten beim Gas macht er sich große Sorgen.
Unternehmen brauchen Unterstützung in der Krise
2023 rechnet er mit einem Kundenrückgang von 20 bis 40 Prozent. Hochzeitpaaren das Fest zu kalkulieren, das wird fast zur Unmöglichkeit. Einig ist sich die Runde, dass man nur zusammen und mit den Gästen durch die Krise kommt. „Wir spüren die Zurückhaltung bei den Kunden, Firmen sagen ab. Die Menschen haben Zukunftsängste.“
„Die Politik muss dringen handeln“, sagt Gordon Keiling. „Corona ist mit dieser Krise nicht zu vergleichen. Wirtschaftlich wird diese dramatischer. Viele haben Existenzängste, mancher verzichtet auf die anvisierte Nachfolge“, lautet die Bilanz von Niels Neu, Vorsitzender des Nordthüringer Unternehmerverbandes. Seiner Ansicht nach wird für alle Branchen das Frühjahr 2023 die schwierigste Zeit.
Es werde sich zeigen, „ob die Regierung Weichen stellt oder weiter schläft und ob es richtige Weichen sind“. Derzeit sei es eine „katastrophale Politik“, meint Neu unverblümt. Auch er will mehr Planungssicherheit für die Betriebe und ihre Chefs, die Verantwortung für Ihre Arbeitnehmer und deren Familien tragen.
Dass heute wie zu DDR-Zeiten improvisiert werden muss und es darum geht, zu tauschen und sich auszutauschen, verwundert die Runde nicht. Niels Neu hat klare Forderungen: „Die Klimaziele haben ihre Berechtigung. Aber jetzt müssen alle Kraftwerke, Kohle, Wasser, Atomkraft genutzt werden, bis es wieder eine Versorgungssicherheit gibt. Wir brauchen eine völlige Technologieoffenheit und jetzt Entscheidungen.“
Die Unternehmer wollen, dass die Politik die Krise anerkennt. Und noch eines wird klar ausgesprochen: “Im Expertenrat braucht es Fachleute, und zwar Unternehmer. Zudem sollte es kleine regionale Pilotlösungen geben, denen die Bürokratie nicht im Wege steht.“
„Über Jahrzehnte ist die Politik davon ausgegangen, dass die Wirtschaft alles hinbekommt. Diesmal wie sie es allein nicht schaffen“, ist sich Niels Neu sicher. Auch darin, dass „das Bürgergeld zur völlig falschen Zeitkommt“.
Quelle: Sigrid Aschof, TA EICHSFELD, 10.11.2022 nachzulesen unter: Nordthüringer Unternehmer sind enttäuscht und sauer | Eichsfeld | Thüringer Allgemeine (thueringer-allgemeine.de)



























































































































































